Ein Cassotto ist eine Klangkammer in der Diskantseite: Einzelne Zungensätze, meist die tiefe (16') und/oder eine mittlere (8') Lage, sitzen darin und strahlen über einen Umweg ab. Das macht ihren Ton wärmer, runder und weniger scharf. Das Tremolo oder die Musette-Stimmung (nass oder trocken) ist davon unabhängig: Sie entsteht durch bewusst leicht verstimmte Zungen, nicht durch eine Kammer. Beides prägt den Klang, beides solltest du vor dem Kauf gezielt anhören.

Wie ein Cassotto aufgebaut ist

Im Normalfall sitzen die Stimmstöcke direkt unter den Schallöffnungen der Diskantdecke. Bei einem Cassotto gibt es zwei Schallbretter, die nahezu rechtwinklig zueinander stehen. Jedes hat eigene Klappen (Kanzellen) und eigene Stimmplatten. Der Raum, in dem die Zungen des zweiten Bretts liegen, ist die Klangkammer. Die Töne verlassen sie erst nach einem gewinkelten, längeren Weg.

Meist steckt nur ein Teil der Zungensätze im Cassotto, typischerweise der tiefe Satz und ein mittlerer. Der Rest strahlt unverändert ab. Das ist ein großer Vorteil: Du kannst über die Register gedämpfte (Cassotto) und brillante (freie) Stimmen mischen. Bei einfachen Jalousien oder Klappen vor dem Ton sind dagegen immer alle Zungen gleichzeitig betroffen.

Doppelcassotto und Sonderbauformen

Es gibt Instrumente mit zwei Zungengruppen in der Kammer ("Doppelcassotto", oft 2+2). Die Kammern selbst bestehen meist aus Holz, einzelne Bauarten nutzen Aluminium. Bei diatonischen Instrumenten ist ein Cassotto aufwendiger zu bauen als bei chromatischen, weil die Stimmplatten anders angeordnet sind. Manche Konstruktionen haben eine abnehmbare Haube, damit man die Stimmplatten leichter erreicht.

Was das Cassotto mit dem Klang macht

Die Kammer wirkt wie ein passiver Filter. Frequenzen im Bereich um etwa 500 bis 1000 Hz werden durch Resonanz betont, höhere Anteile gedämpft. Das Ergebnis klingt "grundtöniger": weniger scharfe Obertöne, mehr Wärme und Fülle. Je weiter die Stimmplatten von der Kammeröffnung entfernt sind, desto stärker fällt der Effekt aus.

  • Tiefe Lage (16'): Vor allem im Jazz sehr beliebt, weil sie weich und rund klingt.
  • Mittlere Lage (8'): Trägt die Melodie. Mit Cassotto singend und weich, ohne Cassotto direkter und heller.
  • Hohe Lage (4'): Sitzt meist außerhalb der Kammer und liefert Glanz.

Wirkung auf Lautstärke: ein Mythos

Häufig heißt es, ein Cassotto mache das Instrument leiser. Das stimmt so pauschal nicht. Die Kammer dämpft hohe Teiltöne, die als "Schärfe" wirken, deshalb klingt der Ton dezenter. Die Angaben zur tatsächlichen Dynamik gehen auseinander: Manche Fachleute berichten von einem größeren Dynamikbereich und besserem Tragen des Tons, andere erleben die Stimmen ohne Kammer im Tanzsaal als durchsetzungsfähiger. Entscheidend ist der Raum, in dem du spielst. Ein Cassotto ist kein Lautstärkeverlust-Schalter, aber auch kein Garant für mehr Klang.

Klangkammer und Gehäuse

Beim Akkordeon ist das Gehäuse kein Resonanzkörper wie bei Gitarre oder Geige. Die Töne entstehen an den Stimmplatten, die Luft strömt durch den Balg. In Fachkreisen gilt die Holzart des Gehäuses deshalb als nahezu klangneutral. Optik und Gewicht ändern sich, der Klang kaum. Einzelne Bauer berichten von feinen Unterschieden durch Oberflächen und Material. Wirklich belegt ist das nicht, die Meinungen sind geteilt.

Wirklich bestimmend für den Klang sind vier Dinge: die Stimmplatten und Zungen, das Cassotto, die Mechanik (Klappen, Dichtigkeit) und die Stimmung. Eine Faustregel: Ein Cassotto bringt nur mit guten Stimmplatten seine Vorteile voll zur Geltung. Seriöse Hersteller kombinieren die beiden deshalb meist.

Chöre, Register und Oktavlagen

Ein Chor ist ein kompletter Zungensatz über den ganzen Tonumfang. Akkordeons haben im Diskant meist zwei bis fünf Chöre, im Bass drei bis fünf. Ein Register ist ein Schalter über der Tastatur, der bestimmte Chöre freigibt. Je mehr Chöre, desto mehr Registerkombinationen. Bei großen Instrumenten sind bis zu etwa 15 Diskant- und 7 Bassregister möglich.

Die Oktavlagen werden wie bei der Orgel in Fuß angegeben:

  • 16': eine Oktave unter der notierten Tonhöhe, tief und voll (oft "Fagott" genannt)
  • 8': die notierte Tonhöhe, die Grundlage des Klangs
  • 4': eine Oktave darüber, hell und glänzend (Piccolo)
  • 32': sehr selten, nur auf Spezialinstrumenten

Typische Registerkombinationen

KlangnameChöreCharakter
Tremolo ("Violine")zwei leicht verstimmte 8'schwebend, wie ein Chorus-Effekt
Musettezwei verstimmte 8' plus 4'glitzernd, obertonreich
Bandoneon16' plus 8'weich, rund
Harmonium/Orgel16', 8', 4' ohne Verstimmungorgelartig, ruhig
Tutti (Master)alle Chörelaut, voll

Die genauen Namen der Register unterscheiden sich je nach Modell, die Symbole auf den Schaltern ebenfalls. Die Belegung steht im Handbuch oder lässt sich durch Ausprobieren erkennen.

Musette, nass und trocken: die Stimmung

Klingen zwei Zungen mit exakt derselben Frequenz zusammen, entsteht keine Schwebung. Der Klang ist trocken: sauber, rein und nah am Ton einer einzelnen Zunge. Stimmt man eine Zunge minimal höher oder tiefer, laufen die Schallwellen abwechselnd zusammen und auseinander. Du hörst ein gleichmäßiges Pulsieren, das Tremolo. Je größer der Frequenzabstand, desto schneller und "nasser" wird es.

"Musette" bezeichnet traditionell die ausgeprägte nasse Stimmung in einem dreichörigen Mittelregister (zwei verstimmte 8' plus ein stimmgleicher Chor), ursprünglich verbunden mit der französischen Café-Musik. Heute ist der Begriff für jede kräftig nasse Stimmung gebräuchlich.

Schwebung in Cent als Richtwert

Stimmer geben den Abstand in Cent an (100 Cent sind ein Halbton). Die Angaben schwanken je nach Quelle, als Richtwerte gelten:

StimmungsartAbstand (Richtwert)Schwebung bei a' (440 Hz)Typischer Einsatz
Trocken0 CentkeineKlassik, Jazz
Sehr leicht ("Swing")ca. 4 Centca. 1 pro SekundeJazz mit Chorus-Hauch
Deutsch / Wienerischca. 10 bis 12 Centca. 2,6 bis 3 pro SekundeVolksmusik, Schlager
Französisch (Musette)ca. 18 bis 25 Centca. 4,5 bis 6,5 pro SekundeMusette, Chanson
Schottischca. 32 Centca. 8 pro Sekundesehr kräftiges Tremolo

Zwei Hinweise dazu. Erstens: Die Schwebung ist von der Tonhöhe abhängig. Bei gleichem Cent-Abstand pulsiert ein hoher Ton doppelt so schnell wie derselbe Ton eine Oktave tiefer. Zweitens beziehen manche Stimmer den Wert auf den Abstand einer Zunge zum Referenzton, andere auf die gesamte Spreizung. Frag also beim Kauf oder in der Werkstatt, was gemeint ist, und höre lieber nach, als nur Zahlen zu vergleichen.

Kann man nass und trocken umschalten?

Die Stimmung ist eine feste Eigenschaft der Zungen. Bei vielen Instrumenten gibt es aber mehrere Register: eines mit trockenem 8'-Chor, andere mit Tremolo. Mit mehr Chören hast du mehr Wahl. Bei zwei 8'-Chören ist ein Chor häufig stimmgleich, der andere nass, du wählst per Register. Willst du die Grundstimmung ändern, müssen die Zungen neu gestimmt werden. Das ist Arbeit für die Werkstatt.

Wann welcher Klang passt

  • Musette und Chanson: Dreichörig mit kräftig nassem Tremolo und 4'. Für den typischen Café-Klang sind die Cassotto-Lagen weniger wichtig, denn die hellen, obertonreichen Chöre tragen den Stil.
  • Volks- und Tanzmusik: Mittleres Tremolo, direkter Klang. Instrumente ohne Cassotto setzen sich im Tanzsaal häufig besser durch.
  • Klassik: Trockene Stimmung, Cassotto für Wärme und Differenzierung, oft mit Konverter oder Standardbass. Das Tremolo bleibt eine Option, aber nicht der Normalfall.
  • Jazz: Weiches Cassotto, vor allem im 16'-Register, oft mit sehr leichter Schwebung.
  • Allround: Vier Chöre mit Cassotto und mehreren Tremolostufen decken viel ab, sind aber schwerer und teurer.

Ein Hinweis aus der Praxis: Viele vierchörige Cassotto-Instrumente haben eine eher flache Schwebung. Wer eine kräftige Musette will, sollte gezielt nach Modellen mit eigenem Musette-Register oder einer entsprechenden Stimmung fragen. Manche Sondermodelle kombinieren Cassotto mit einem hellen, kräftigen Tremolo.

Preise und Aufschläge in Deutschland

Ein Cassotto erhöht den Bauaufwand deutlich: zusätzliche Schallbretter, Klappen, Einstellarbeit. Entsprechend liegen Instrumente damit im höheren Preisbereich. Als Orientierung (Stand Okt. 2026):

  • Einsteigermodelle ohne Cassotto beginnen bei etwa 559 EUR, ein solides Instrument mit 72 Bässen liegt häufig bei 1.700 bis 2.000 EUR.
  • Für ein neues 96-Bass-Akkordeon mit Cassotto werden meist 4.500 bis 6.000 EUR genannt. Die Angaben schwanken je nach Quelle, teils liegen Cassotto-Instrumente schon bei 3.000 bis 5.000 EUR.
  • Das Hohner Cassotto I (96 Bass, vier Chöre 16'-8'-8'-4', 10,3 kg) hat eine unverbindliche Preisempfehlung von 5.280 EUR (Stand Okt. 2026).
  • Der Aufschlag eines Cassotto-Modells gegenüber einer gleich ausgestatteten Variante ohne Kammer wird häufig mit rund 1.000 EUR angegeben (grober Richtwert, je nach Hersteller).
  • Profimodelle gehen bis in den fünfstelligen Bereich, bis etwa 45.000 EUR.

Gebraucht sind Cassotto-Instrumente oft deutlich günstiger, brauchen aber einen genauen Check. Worauf du dabei achtest, steht im Gebrauchtkauf-Ratgeber.

Kaufentscheidung: lohnt sich ein Cassotto?

Ein Cassotto ist ein Qualitätsmerkmal, aber kein Muss. Es lohnt sich, wenn du

  • Klassik, Jazz oder weiche Solostücke spielst,
  • den warmen Ton wirklich hörst und magst,
  • Budget und Gewicht im Rahmen halten kannst.

Wenig Sinn ergibt es, wenn du laut in Tanzsälen spielst, einen hellen Folk-Ton suchst oder ein Einsteigerbudget hast. Dann ist eine gute Mechanik mit sauberen Zungen oft die bessere Investition. Auch die Bauform spielt mit: Ob Tasten oder Knöpfe, erklärt der Ratgeber Knopf- vs. Tastenakkordeon.

Ein Cassotto macht das Instrument außerdem schwerer: Typische 96-Bass-Cassotto-Modelle wiegen rund 10 bis 10,5 kg, ein 120-Bass-Modell mit vielen Registern rund 12 kg. Das merkst du bei längeren Auftritten.

So testest du es richtig

  • Spiele dasselbe Stück auf einem Cassotto- und einem Nicht-Cassotto-Instrument und höre bei jedem Register einzeln hin.
  • Probiere die Stimmen im Raum aus, in dem du später spielst. Ein Ton, der im Laden weich klingt, kann im Saal untergehen.
  • Schalte durch alle Register und prüfe, ob jeder Chor sauber anspricht.
  • Frag nach der Stimmungsart (Cent-Wert des Tremolos) und lass sie dir vorspielen.

Häufige Fehler und Mythen

  • "Cassotto bedeutet automatisch besser." Nein. Es ist ein Klangcharakter. Ein schlecht gebautes Cassotto-Instrument klingt schlechter als ein sauber gearbeitetes ohne Kammer.
  • "Cassotto macht leiser." Siehe oben: Es verändert die Klangfarbe, die Lautstärke hängt vom Raum und den Zungen ab.
  • "Das Holz des Gehäuses bestimmt den Klang." Beim Akkordeon spielt das Gehäuse kaum eine Rolle, entscheidend sind Zungen, Cassotto und Mechanik.
  • "Nass und trocken lässt sich einfach umschalten." Nur über Register, nicht über die Grundstimmung.
  • Nur nach Cent-Zahlen entscheiden. Zahlen helfen beim Vergleich, der Eindruck beim Spielen zählt mehr.
  • Zu nass für Klassik gekauft. Ein starkes Tremolo wirkt in ruhigen Stücken schnell unruhig. Prüfe, ob das Instrument ein trockenes Register hat.
  • Nur die Chorzahl beachten. Mehr Chöre bedeuten mehr Gewicht und Preis, nicht automatisch besseren Klang.

Nachstimmen: was und warum

Auch ein gutes Instrument verstimmt sich. Ursachen sind Materialermüdung der Zungen, Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen sowie alterndes Leder und Wachs. Je nach Nutzung ist alle zwei bis fünf Jahre ein Check sinnvoll, bei häufigem Spielen oder wechselndem Klima früher. Typische Anzeichen: Der Ton "reißt" unsauber, Akkorde klingen schief, das Tremolo schwebt ungleichmäßig oder wirkt auf einmal verändert.

Gestimmt wird, indem an der Zunge winzige Materialmengen abgetragen werden; je nach Stelle steigt oder sinkt die Tonhöhe. Das erfordert Spezialwerkzeug, Erfahrung und ein offenes Instrument, bei einem Cassotto zusätzlich Zugang zu den Zungen in der Kammer. Zu viel abgetragenes Material lässt sich nicht zurückgeben. Das gehört deshalb in die Fachwerkstatt. Werkstätten rechnen häufig pro Stimmplatte im niedrigen einstelligen Euro-Bereich (Stand Okt. 2026), den genauen Preis nennt der Kostenvoranschlag nach der Begutachtung. Für ein komplettes Neustimmen gilt: je nach Werkstatt Angebot einholen.

Willst du die Grundstimmung ändern, etwa von nass auf trocken oder umgekehrt, ist das ein größerer Eingriff. Frag vorher, ob es sich bei deinem Modell lohnt. Welche Zungen sich dafür eignen, steht im Ratgeber zu Stimmzungen aus Stahl und Aluminium.

Du kannst selbst für gute Bedingungen sorgen: Instrument nicht in Hitze, Kälte oder direkter Sonne lagern, im Koffer vor starken Klimawechseln schützen, für mittlere Luftfeuchte sorgen und das Instrument regelmäßig spielen.

Kurz zusammengefasst

  • Cassotto = Klangkammer für einzelne Zungensätze, macht den Ton wärmer und runder.
  • Nass/trocken = Abstand der Zungen zueinander in Cent, unabhängig vom Cassotto.
  • Gehäuseholz ist beim Akkordeon fast klangneutral.
  • Cassotto ist teurer, schwerer und nicht für jeden Stil besser.
  • Vor dem Kauf: Register einzeln anhören, Stimmungsart erfragen, im passenden Raum testen.
  • Stimmarbeiten gehören in die Werkstatt.