Ein monophoner Synthesizer spielt immer nur einen Ton, ein polyphoner mehrere Töne mit jeweils eigener Klangformung, ein paraphoner mehrere Töne, die sich Filter und Hüllkurve teilen. Wer Akkorde und Flächen spielen will, braucht Polyphonie; für Bass und Lead ist Mono nicht nur ausreichend, sondern oft die bessere und günstigere Wahl. Wie viele Stimmen es sein sollten, hängt weniger von der Zahl deiner Finger ab als davon, wie lange Töne ausklingen.
Was eine Stimme ist und warum Oszillatoren nicht zählen
Eine Stimme (Voice) ist ein kompletter Signalweg für einen Ton: Oszillator(en), Filter, Verstärker und die zugehörigen Hüllkurven. Die Polyphonie eines Synthesizers ist die Zahl dieser Wege, die gleichzeitig laufen können. Die Zahl der Oszillatoren sagt darüber nichts aus: Ein Minimoog hat drei Oszillatoren und spielt trotzdem nur einen Ton, weil alle drei durch denselben Filter in dieselbe Hüllkurve laufen. Was die Polyphonie bestimmt, ist die Zahl der vollständigen Voice-Engines. Bei digitalen Instrumenten und Software lässt sich diese Zahl bequem hochskalieren, bei analogen Geräten kostet jede Stimme echte Bauteile, Platz und Abgleich-Aufwand.
Die technischen Grundlagen zu Oszillatoren und Filtern findest du in Polyphonie, Oszillatoren und Filter.
Monophon, paraphon, polyphon im Vergleich
| Bauart | Gleichzeitige Töne | Filter und Hüllkurve | Typische Rolle |
|---|---|---|---|
| Monophon | 1 | eine Einheit für den einen Ton | Bass, Lead, Sequenzen |
| Paraphon | mehrere (meist so viele wie Oszillatoren) | gemeinsam für alle Töne | Flächen mit einheitlichem Klangverlauf, einfache Akkorde |
| Polyphon | so viele wie Stimmen | pro Stimme eigen | Akkorde, Flächen, Klavier- und Orgelspiel |
Monophon
Spielst du bei gehaltener Taste einen zweiten Ton, bricht der erste ab oder geht (mit Portamento) gleitend in den zweiten über. Weil nur ein Signalweg nötig ist, sind monophone Geräte einfacher gebaut und meist deutlich günstiger. Viele Klassiker sind bewusst mono: der Minimoog (gebaut von 1970 bis 1981, rund 12.000 Stück, drei Oszillatoren, 24-dB-Leiterfilter), die TB-303 oder der MS-20. Eine fokussierte Stimme passt zu Bass und Lead, und gerade Entwickler können sich bei Mono-Geräten ganz auf Klangqualität und Bedienung konzentrieren.
Paraphon
Paraphone Synthesizer sind die Mittelklasse: Jeder Oszillator darf auf eine eigene Taste reagieren, doch alle hängen an einem gemeinsamen Filter und einer gemeinsamen Hüllkurve. Typische Beispiele sind der Korg Mono/Poly, der ARP Odyssey (der sogar nur zwei Töne kann, man spricht dann von Duophonie) oder der Moog Subharmonicon. Der Korg Poly-800 hat acht Oszillatoren, aber nur einen Filter und eine Hüllkurve. Die Folgen sind hörbar:
- Die Hüllkurve kann nicht pro Ton neu starten. Je nach Gerät wird entweder gar nicht neu getriggert, wenn du einen zweiten Ton zu einem gehaltenen spielst, oder alle gehaltenen Töne werden mit getriggert.
- Akkorde klingen als Block: Alle Töne öffnen und schließen den Filter gemeinsam, man hört keine unabhängige Artikulation der Einzeltöne.
- Die Klangfarbe ist dafür oft eigenwillig und gefällt vielen gerade deshalb.
Der Begriff selbst hat eine wechselhafte Geschichte: Ein Hersteller führte ihn 1977 als Marketingwort für ein Gitarrensynthesizer-System mit etwas anderer Bedeutung ein. Heute meint man damit praktisch immer die geteilte-Signalweg-Variante.
Polyphon
Bei einem echt polyphonen Gerät hat jede Stimme ihren eigenen Filter und ihre eigene Hüllkurve. Ein Ton kann also lang ausklingen, während der nächste knackig anschlägt. Die Stimmen klingen dabei gleich, denn sie nutzen dieselben Reglerstellungen. Als erste echt polyphone Synthesizer gelten Modelle Mitte der 1970er-Jahre (Yamaha GX-1, CS-80, Oberheim Four-Voice). Der Sequential Prophet-5 von 1978 mit fünf Stimmen war der erste voll programmierbare polyphone Synthesizer, also einer, der alle Einstellungen speichern konnte.
Wie viele Stimmen brauchst du?
Die Zahl der gleichzeitig gehaltenen Tasten ist nur die halbe Rechnung, denn auch ausklingende Töne belegen Stimmen. Solange die Hüllkurve (Release) läuft, ist die Stimme besetzt.
| Spielweise | Richtwert Stimmen |
|---|---|
| Bass, Lead, einstimmige Linien | 1 (mono genügt) |
| Einfache Akkorde aus 3 bis 4 Tönen, kurzer Release | 4 bis 8 |
| Beidhändiges Spiel, Akkorde mit Sustain oder Pedal | 8 bis 12 |
| Lange Pads, Ambient, überlappende Flächen mit Hall | 12 bis 16 oder mehr |
| Mehrere Klänge gleichzeitig (Layer, Multitimbralität) | Stimmen addieren sich pro Klang |
Ein verbreiteter Rat in Kaufberatungen lautet, für Akkorde und Flächen mindestens vier bis acht Stimmen einzuplanen. Als praktische Faustregel für sustain-lastiges Akkordspiel gilt: Rechne die höchste Zahl gleichzeitig gehaltener Töne mal zwei, damit vorherige Akkorde ausklingen können, ohne von neuen abgeschnitten zu werden. Die Angaben sind Richtwerte und hängen von Klang und Spielweise ab.
Die Historie zeigt, dass viele Musiker lange mit wenig auskamen: Der Juno-106 (1984 bis 1988) hat sechs Stimmen, der Prophet-5 fünf, der Jupiter-8 (1981) acht. Der Yamaha DX7 (1983) bot 16 digitale Stimmen. Moderne Digitalgeräte und Software liefern oft 64, 128 oder mehr; beim Yamaha Montage sind es über 100.
Wenn du knapp bei Stimmen bist
- Verkürze den Release der Pads. Das ist die wirksamste Maßnahme, weil ausklingende Töne sonst Stimmen blockieren.
- Verzichte auf Unison, wenn du Akkorde spielst (siehe unten): Es frisst Stimmen.
- Spiele Akkorde in lockeren Lagen, ohne doppelte Töne in mehreren Oktaven.
- Lass den Sustain-Pedaleinsatz sparsam, denn ein gehaltenes Pedal hält alle Töne offen.
- Bei Software und Digitalgeräten die maximale Stimmenzahl hochsetzen, falls einstellbar.
Voice Stealing
Spielst du mehr Töne, als Stimmen vorhanden sind, muss der Synthesizer einer klingenden Stimme den Platz wegnehmen: Die Stimme wird gestohlen (Voice Stealing). Meist bricht dabei der ältere Ton ab, statt natürlich auszuklingen. Das ist normales Verhalten jedes polyphonen Geräts am Limit, kein Defekt.
Welche Stimme es trifft, entscheidet der Algorithmus. In der Praxis kommen folgende Strategien vor:
- Der älteste Ton wird gestohlen.
- Töne, die schon im Release ausklingen, werden bevorzugt, weil das am wenigsten auffällt.
- Der tiefste oder höchste Ton wird geopfert.
- Der jüngste Ton wird gestohlen, so dass gehaltene Basstöne in der linken Hand bestehen bleiben, während rechts Akkorde und Melodien laufen.
Welche Variante ein Gerät nutzt, steht meist im Handbuch und ist je nach Modell verschieden. Ein hörbares Klicken beim Stehlen gilt als Zeichen einfacher Umsetzung; gute Implementierungen blenden die alte Stimme kurz aus. Je mehr Stimmen ein Gerät hat, desto seltener und unauffälliger tritt Voice Stealing auf.
Note-Priorität bei monophonen Synthesizern
Drückst du an einem Mono-Synth mehrere Tasten gleichzeitig, muss er entscheiden, welcher Ton klingt. Das regelt die Note-Priorität:
- Low (tiefste Note): Der tiefste gedrückte Ton hat Vorrang. Der Minimoog arbeitet so. Praktisch für Basslinien, weil die linke Hand tiefe Töne hält, während die rechte Hand darüber nichts stört.
- High (höchste Note): Der höchste Ton gewinnt. Gut für Triller und Legato-Melodien in der oberen Hand.
- Last (letzte Note): Der zuletzt gespielte Ton klingt, egal ob höher oder tiefer. Das ist die intuitivste Variante für Lead-Spiel.
Lässt du eine Taste los, springt der Synth je nach Prioritätsmodus zu einem noch gehaltenen Ton zurück. Manche Geräte bieten alle drei Modi, so wie der Memorymoog mit Low, Latest oder High und wahlweise einfachem oder mehrfachem Trigger. Beim Trigger entscheidest du, ob die Hüllkurve für jeden neuen Ton neu startet (Multi-Trigger, knackig) oder bei überlappenden Tönen durchläuft (Single-Trigger, legato). Für flüssige Leads wählst du Single-Trigger, für stakkato-artige Bässe Multi-Trigger.
Unison, Layer, Split und Multitimbralität
Unison
Im Unison-Modus spielen mehrere Stimmen denselben Ton, leicht gegeneinander verstimmt. Das ergibt einen dicken, breiten Klang, wie ihn viele Leads und Bässe brauchen. Der Preis: Jede Unison-Stimme belegt eine Stimme des Pools. Ein Synth mit sechs Stimmen spielt im Unison-Modus faktisch mono. Der Memorymoog konnte im Mono-Modus bis zu 18 Oszillatoren im Unison laufen lassen, bei Software-Synths stellst du die Zahl oft selbst ein.
Layer und Split
Ein Layer legt zwei Klänge übereinander, ein Split teilt die Tastatur in zwei Bereiche mit verschiedenen Klängen, zum Beispiel Bass links und Lead rechts. Beides geht nur, wenn der Synth mehr als einen Klang gleichzeitig erzeugen kann. Wieder gilt: Im Layer verbraucht jeder Ton zwei Stimmen.
Multitimbralität und Bitimbralität
Multitimbral heißt, dass ein Gerät mehrere unterschiedliche Klänge gleichzeitig erzeugt, in der Regel angesteuert über getrennte MIDI-Kanäle. Alle multitimbralen Geräte sind polyphon, aber nicht alle polyphonen sind multitimbral. Das hat besonders das Heimstudio verändert: Ein einziges Gerät konnte mehrere Instrumente gleichzeitig spielen, statt mehrere Synths zu brauchen. Bitimbral ist die einfachste Form mit zwei Klängen. Ein Beispiel ist der Sequential Prophet Rev2, der bis zu zwei Klänge pro Programm als Stack oder Split anbietet. Modernere Digitalgeräte teilen sich in mehrere Parts oder Layer auf, so spielt der Korg Wavestate vier Layer pro Performance.
Wichtig für die Rechnung: Die Stimmen des Geräts werden unter allen Klängen aufgeteilt. Ein 16-stimmiger bitimbraler Synth hat bei zwei gleichzeitigen Klängen pro Klang weniger als 16 Stimmen frei. Welche Sounds wie viele Stimmen bekommen, kann je nach Gerät fest oder dynamisch sein.
Typische Geräte als Orientierung (Modelldaten)
| Modell | Bauart | Stimmen | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Minimoog Model D (1970 bis 1981) | monophon | 1 | 3 Oszillatoren, Low-Note-Priority |
| Behringer Model D | monophon | 1 | 3 Oszillatoren; über Polychain-Funktion per MIDI mehrere Geräte zu einem polyphonen Aufbau koppelbar (bis zu 16 Stimmen) |
| Korg Poly-800 | paraphon | 8 Oszillatoren | ein Filter, eine Hüllkurve |
| Behringer Poly D | paraphon | 4 | 4 Oszillatoren, Modi: Poly, Mono, Unisono |
| Sequential Prophet-5 (1978) | polyphon | 5 | 2 Oszillatoren pro Stimme, später Curtis-Chips |
| Memorymoog (1982 bis 1985) | polyphon | 6 | je 3 Oszillatoren, Unison bis 18 Oszillatoren |
| Roland Juno-106 (1984 bis 1988) | polyphon | 6 | 128 Speicherplätze, MIDI |
| Korg Minilogue xd | polyphon | 4 | analog plus digitaler Multi-Engine-Oszillator |
| Behringer DeepMind 12 | polyphon | 12 | analog |
| Sequential Prophet Rev2 | polyphon, bitimbral | 8 oder 16 | zwei Layer pro Programm als Stack oder Split |
Was kostet der Unterschied?
Mono ist günstig, weil nur ein Signalweg gebaut werden muss; jede weitere vollständige Stimme bringt bei analogen Geräten zusätzliche Bauteile mit sich. Als Orientierung für neue Geräte (Stand Okt. 2026, Richtwerte, Preise schwanken):
- Behringer Model D (monophon): ca. 199 EUR (Stand Okt. 2026)
- Behringer Poly D (4 Stimmen, paraphon): ca. 499 EUR (Stand Okt. 2026)
- Korg Minilogue xd (4 Stimmen): ca. 570 EUR (Stand Okt. 2026)
- Behringer DeepMind 12 (12 Stimmen): ca. 630 EUR (Stand Okt. 2026)
Das Verhältnis zeigt: Schon vier Stimmen kosten ein Mehrfaches eines Mono-Geräts, doch der Sprung von vier auf zwölf Stimmen fällt bei diesen Beispielen vergleichsweise klein aus. Bei Vintage-Geräten bestimmt dagegen der Sammlerwert: Ein gebrauchter Juno-106 wird in Deutschland häufig zwischen etwa 1.250 und 2.200 EUR angeboten (Stand Okt. 2026), je nach Zustand und Wartung. Worauf du bei Vintage-Polysynths achten solltest, steht in Synthesizer gebraucht kaufen.
Kaufentscheidung: Welche Bauart für welchen Zweck?
- Du willst Bass und Leads: Mono reicht völlig, und du bekommst mehr Synthesizer fürs Geld. Achte auf Note-Priorität und Glide.
- Du willst Akkorde, Flächen, Klavier-ähnliches Spiel: Poly mit mindestens vier bis acht Stimmen; für lange Pads besser 12 oder mehr.
- Du willst Flächen mit eigenem Charakter, aber knappes Budget: Paraphon kann reichen, solange du mit einheitlicher Hüllkurve leben kannst.
- Du willst live zwei Klänge: Prüfe Split, Layer und Bitimbralität, und rechne die Stimmen pro Klang.
- Du hast schon einen Mono-Synth: Mit Polychain oder mehreren Geräten per MIDI lassen sich Mono-Synths zu einem polyphonen Aufbau koppeln, was aber Platz, Geld und Verkabelung kostet. Wie die Ansteuerung funktioniert, erklärt MIDI vs. CV/Gate.
- Digital oder analog? Digitale Geräte skalieren die Stimmenzahl leichter, mehr dazu in Analog, digital und virtuell-analog.
Vor dem Kauf prüfen
- Steht im Datenblatt monophon, paraphon oder polyphon? Bei Paraphon: Hüllkurvenverhalten anhören.
- Wie viele Stimmen insgesamt, und wie viele bleiben im Layer oder Unison übrig?
- Beim Probespielen einen langen Pad-Akkord halten und dann schnell weiterspielen: Hörst du abgeschnittene Töne?
- Bei gebrauchten Polysynths jede Stimme einzeln durchtesten, denn eine defekte Stimme fällt im Zusammenspiel oft nicht gleich auf.
Mythen und häufige Irrtümer
- Mehr Oszillatoren heißen mehr Stimmen: falsch. Drei Oszillatoren in einem Minimoog sind eine Stimme.
- Monophon ist minderwertig: Mono ist keine Sparversion, sondern eine eigene Rolle. Viele der berühmtesten Bässe und Leads stammen von Mono-Geräten.
- Voice Stealing heißt, der Synth ist kaputt: Nein, es ist erwartetes Verhalten am Stimmenlimit.
- Paraphon ist dasselbe wie polyphon: Nein, der gemeinsame Filter und die geteilte Hüllkurve machen hörbar etwas anderes.
- Viele Stimmen sind immer besser: Nur wenn du sie brauchst. Für Bass und Lead sind sie reine Reserve.
- Polyphon heißt multitimbral: Nein. Ein sechsstimmiger Juno-106 spielt einen Klang auf allen Stimmen.
- Der Stimmenzahl-Wert im Datenblatt gilt immer: Unison, Layer und Effekte können die nutzbare Zahl senken.