Kurzantwort: Welches Griffsystem für dich sinnvoll ist, bestimmt in der Praxis dein Umfeld: In Deutschland und Österreich entscheiden Lehrkraft, Orchester und Noten, ob Böhm- oder Oehler-System (deutsches System) passt, außerhalb dieses Raums ist Böhm der Standard. Zum Start nimmst du fast immer eine B-Klarinette; die A-Klarinette kommt erst später als Zweitinstrument dazu, wenn ein Orchester sie verlangt. Ein Wechsel zwischen den Systemen ist lernbar, aber kein Spaziergang.
Die Griffsysteme im Überblick
Alle Systeme teilen das Grundprinzip: ein Rohr mit Einfachrohrblatt, Überblasen in die Duodezime und eine Mechanik, die Tonlöcher aus der Reichweite der Finger heraus verschließt. Unterschiede liegen in der Anordnung der Klappen, in der Bohrung und im passenden Mundstück-Setup.
Böhm-System
Das Böhm-System (auch französisches System) wurde zwischen 1839 und 1843 von Hyacinthe Klosé und Louis Auguste Buffet entwickelt und überträgt Ideen aus Theobald Böhms Flötenmechanik auf die Klarinette. Die Standardausführung hat 17 Klappen und 6 Ringe (kurz 17/6). Die Mechanik arbeitet mit einfachen Hebeln, die Griffe sind logisch aufgebaut. Der Klang gilt als heller, obertonreicher und flexibel, was Jazz, Pop und moderne Literatur entgegenkommt. Böhm ist in den meisten Ländern der Welt der Standard, und fast alle Schulwerke und Schulinstrumente sind darauf ausgelegt.
Oehler-System (deutsches System)
Das deutsche System geht auf die Klarinette der Mozartzeit und die Weiterentwicklungen von Iwan Müller zurück. Oskar Oehler brachte es um 1905 in die heute gespielte Form. Typisch sind 20 bis 22 Klappen, mehrere Ringe und Rollen für die kleinen Finger, mit denen du von Klappe zu Klappe gleitest. Die Ausführung "Voll-Oehler" kann bis zu etwa 27 Klappen haben, mit Zusatzmechaniken für heikle Töne wie das tiefe E/F oder korrigierte Gabelgriffe. Dazu kommt eine engere Bohrung mit längerem, schmalerem Mundstück, das schwerere Blätter verlangt (rund Stärke 2,5). Der Ton ist dunkler, wärmer und weniger obertonreich. Das System ist in Deutschland und Österreich verbreitet und wird in den meisten Orchestern dieser Länder gespielt, etwa bei den Berliner und Wiener Philharmonikern.
Reform-Böhm
Das Reform-Böhm-System wurde ab 1895 von Ernst Schmidt entworfen, um deutsche Klangeigenschaften mit der Böhm-Griffweise zu verbinden. Fritz Wurlitzer baute 1949 die erste so gefertigte Klarinette für einen Klarinettisten des Concertgebouw-Orchesters in Amsterdam. Das Instrument hat die Böhm-Griffe, aber eine deutsche, weniger konische Bohrung, ein verkürztes Unterstück mit versetzten Tonlöchern, Rollen an den Klappen der kleinen Finger und häufig eine seitliche Duodezimklappe wie die deutsche Klarinette. Es richtet sich an Spieler, die Böhm gelernt haben, aber einen deutschen Klang suchen, zum Beispiel weil sie sich auf eine Orchesterstelle bewerben wollen, bei der ein deutscher Klang erwartet wird. Verbreitet war es vor allem in den Niederlanden, Japan, Spanien und Italien; seit etwa 2019 ist die Nachfrage rückläufig. Gebaut wird es von wenigen deutschen Werkstätten, Yamaha hat die Produktion eingestellt. Neue Reform-Böhm-Klarinetten kosten grob 7.000 bis weit über 30.000 EUR (Stand Okt. 2026), sie sind also ein Instrument für Fortgeschrittene und Profis.
Albert-System und andere
Das Albert-System (Mitte des 19. Jahrhunderts von Eugène Albert aus dem Müller-System entwickelt) begegnet dir heute fast nur noch in osteuropäischer Volksmusik, Klezmer und bei Jazz-Traditionalisten. Daneben gibt es einzelne moderne Umbauten des Böhm-Systems. Für einen Einstieg spielen diese Varianten keine Rolle.
Vergleich: Bauweise, Klang, Preis
| Merkmal | Böhm | Oehler (deutsch) | Reform-Böhm |
|---|---|---|---|
| Klappen und Ringe (typisch) | 17/6 | 20/6 bis 22/6, Voll-Oehler mehr | Böhm-Griffe, zusätzliche Rollen und Mechaniken |
| Bohrung | weiter | enger | deutsch, weniger konisch |
| Mundstück und Blatt | kürzere Bahn, leichtere Blätter | längere, schmalere Bahn, schwerere Blätter | meist deutsches Mundstück-Setup |
| Klang | hell, flexibel, obertonreich | dunkel, warm, weniger hohe Obertöne | zwischen beiden, deutsch geprägt |
| Verbreitung | weltweit | Deutschland, Österreich | Nische (Niederlande, Japan, Spanien, Italien) |
| Preislage neu | am günstigsten | bei gleicher Qualität deutlich höher | nur Profiklasse |
Der Preisabstand ist erheblich: Bei vergleichbarer Qualität ist ein Instrument im Böhm-System erfahrungsgemäß deutlich günstiger als eines im deutschen System; Preisbeispiele findest du weiter unten. Bei großen Instrumenten wie der Bassklarinette wird der Unterschied noch deutlicher.
Zur Griffweise: Das deutsche System hat Gabelgriffe und Gleitbewegungen über Rollen, die etwas mehr Gewöhnung verlangen, während Böhm mit einzelnen Hebeln arbeitet. Als pauschal "leichteres" System taugt keines der beiden; entscheidend ist, was in deinem Unterricht und deinen Noten vorkommt. Eigene Schulwerke je System sind selten, die gängigen Schulen und Grifftabellen gibt es für beide.
Klang: Was das System wirklich ausmacht
Dass deutsche Klarinetten dunkler und Böhm-Klarinetten heller klingen, stimmt als Tendenz, geht aber vor allem auf Bohrung und Mundstück zurück, weniger auf die Klappenanordnung. Material, Bauweise, Mundstück, Blatt und der Spieler selbst wirken stärker auf den Ton. Hörvergleiche deuten sogar an, dass auch Profis die Systeme im Blindtest nicht sicher auseinanderhalten. Die Reform-Böhm-Klarinette zeigt das gut: Sie hat Böhm-Griffe, aber ein deutsches Klangkonzept. Ein "besserer" Klang lässt sich also nicht an der Systembezeichnung festmachen, wohl aber an der Eignung für das jeweilige Ensemble.
Orchester, Kapelle, Jazz: Wo welches System gefragt ist
- Sinfonie- und Opernorchester in Deutschland und Österreich: Nahezu alle festen Stellen sind mit deutschen Klarinetten besetzt. Wer sich auf eine solche Stelle bewirbt, spielt in aller Regel Oehler oder zumindest ein Instrument mit deutschem Klang.
- Blasorchester, Musikvereine, Kapellen: Hier sind beide Systeme zu finden, der Böhm-Anteil wächst seit Jahren. Frage vorher, ob das Register ein einheitliches Klangbild erwartet oder gemischte Besetzungen üblich sind.
- Jazz, Klezmer, Pop, Filmmusik: Meist Böhm, wegen des flexiblen, hellen Tons und weil Instrumente, Zubehör und Lehrmaterial international verbreitet sind.
- Außerhalb des deutschsprachigen Raums: Böhm ist der Normalfall, das deutsche System ein Spezialfall.
Wechsel zwischen den Systemen
Die Griffe eines neuen Systems sitzen bei regelmäßigem Üben erfahrungsgemäß nach wenigen Wochen, der Ansatz braucht länger, weil Mundstück, Blatt und Bohrung nicht einfach übertragbar sind. Je nach Übezeit und Vorerfahrung berichten Spieler von Übergangszeiten zwischen einigen Wochen und mehr als einem Jahr, bis der Ton wieder so sicher ist wie auf dem alten Instrument. Das Mundstück-Setup gehört zum System und sollte beim Wechsel mitgedacht werden; Hinweise dazu findest du im Artikel Birne und Mundstück: Upgrade für besseren Klang. Praktisch: Probiere vor dem Kauf beide Systeme im Fachgeschäft oder bei deiner Lehrkraft, statt aus dem Bauch zu entscheiden.
B- oder A-Klarinette
Stimmung und Transposition
Die B-Klarinette klingt einen Ganzton tiefer als notiert, die A-Klarinette eine kleine Terz tiefer. Die A-Klarinette ist also einen Halbton tiefer gestimmt und etwas länger. Beide haben dieselbe Bohrung und dieselben Griffe, sodass du Mundstück und Blatt von der B-Klarinette auch auf der A-Klarinette nutzen kannst.
Der Sinn der zwei Stimmungen ist praktisch: Steht ein Stück in einer Tonart mit vielen Kreuzen, entfallen auf der A-Klarinette drei Vorzeichen, die Noten sind leichter lesbar und greifbar. Stehen viele B-Vorzeichen im Stück, brauchst du auf der B-Klarinette zwei Vorzeichen weniger als im Konzert. Dazu kommt ein etwas wärmerer Klang der A-Klarinette, den Komponisten gezielt nutzen. Sinfonische und kammermusikalische Literatur der Klassik und Romantik verlangt deshalb häufig beide Instrumente, teils im selben Werk, etwa bei Brahms; auch Mozarts Klarinettenkonzert ist für ein Instrument in A geschrieben. Im Zusammenspiel mit Streichern wird die A-Klarinette erfahrungsgemäß besonders oft gefordert.
Was Einsteiger brauchen
Zum Start kaufst du eine B-Klarinette. In Blasorchester, Musikschule, Jazz und Volksmusik wird praktisch nur sie gespielt. Eine A-Klarinette wird erst relevant, wenn du in einem Sinfonieorchester oder Kammerensemble spielst, in dessen Stimmen sie ausdrücklich steht. Sie ist dann ein Zweitinstrument, kein Ersatz. Wer nur gelegentlich eine A-Stimme spielt, kann die A-Klarinette zunächst leihen oder die Stimme auf der B-Klarinette transponieren, was zusätzliche Vorzeichen bedeutet und im Dauerbetrieb anstrengend ist. Eine A-Klarinette ist in gleicher Qualität etwas teurer: Das Modell Buffet Crampon E-11 kostet in B rund 999 EUR, in A rund 1.666 EUR (Stand Okt. 2026). Für sehr kleine Kinderhände gibt es außerdem die C-Klarinette, die klingt wie notiert; sie ist eine Ausnahme.
Es-Klarinette und Bassklarinette kurz eingeordnet
Die Es-Klarinette ist die kleine, hohe Schwester mit hellem, durchdringendem Klang. Im Orchester kommt sie dort zum Einsatz, wo ein greller oder auch ironischer Ton gewünscht wird; bekannt ist ihr Solo in Ravels Boléro. Eine Es-Klarinette im Böhm-System kostet neu etwa 1.900 EUR (Stand Okt. 2026, Beispiel Buffet Crampon E-11). Die Bassklarinette in B klingt eine Oktave unter der B-Klarinette, ist seit der Neukonstruktion durch Adolphe Sax in den 1830er-Jahren fester Bestandteil des Orchesters und spielt im Jazz eine wichtige Rolle, etwa durch Eric Dolphy. Besonderheiten beim Kauf erklärt der Artikel Bassklarinette gebraucht kaufen: worauf du anders achten musst. Das Bassetthorn in F und die Basset-Klarinette (eine A-Klarinette mit Tiefenerweiterung) sind Spezialinstrumente, etwa für Mozarts Klarinettenkonzert in der Originalfassung.
Einsteigermodelle und Preisbeispiele in Deutschland
| Klasse | Typisches (Händlerpreise, Stand Okt. 2026) |
|---|---|
| Schüler | ABS-Kunststoff, Böhm 17/6, zum Beispiel Yamaha YCL-255S (ca. 579 EUR) oder Buffet Crampon Prodige (ca. 589 EUR) |
| Mittelklasse | Grenadillholz, mehr Mechanik-Feinheiten, zum Beispiel Buffet Crampon E-11 (ca. 999 EUR) |
| Profi | hochwertige Bohrung und Mechanik; Oehler-Modelle wie die Übel B632 (ca. 2.429 EUR), Böhm-Profimodelle teils darüber |
| Spitze, Reform-Böhm | handgefertigte Meisterinstrumente, deutlich teurer; Angebot einholen |
Die Neupreise reichen von sehr einfachen Importinstrumenten bis zu handgefertigten Meisterstücken. Angebote am unteren Ende, besonders aus unbekannter Importfertigung, haben häufig klemmende Klappen, undichte Polster und Stimmprobleme. Vergleiche vor dem Kauf aktuelle Preise mehrerer Händler.
Leihen oder kaufen
Für den Anfang ist Leihen oder Mietkauf oft die beste Wahl. Die monatliche Miete liegt in Deutschland je nach Anbieter bei etwa 12 bis 35 EUR (Stand Okt. 2026); Kinderinstrumente sind meist günstiger als vollwertige Modelle. Beim Mietkauf wird die gezahlte Miete häufig ganz oder weitgehend auf den Kaufpreis angerechnet, die Mietdauer liegt oft zwischen 6 und 12 Monaten, danach entscheidest du dich für Kauf oder Rückgabe. Manche Musikschulen verleihen Instrumente ebenfalls oder lassen dich vorab unverbindlich ausprobieren.
Kaufen lohnt sich, wenn du sicher bist, dass du länger als ein bis zwei Jahre spielst und deine Lehrkraft das Modell empfohlen hat. Wer gebraucht kauft, spart oft einiges, muss aber auf Risse, Polster und Korkverbindungen achten, siehe Klarinette gebraucht kaufen: worauf achten.
Typische Fehlkäufe und wie du sie vermeidest
- Extremes Billiginstrument: Kunststoff und Mechanik sind oft so schwach, dass der Lernerfolg leidet.
- System ohne Rücksprache gewählt: Eine Böhm-Klarinette bei einer Lehrkraft, die Oehler spielt (oder umgekehrt), wird zum Problem. Kläre das vor dem Kauf.
- Gebrauchtanzeige ohne Systemangabe: Bei älteren Instrumenten oder Nachlässen nie Böhm annehmen. Ungewohnte Klappenanordnung, Rollen an den kleinen Fingern und viele Ringe deuten auf das deutsche System. Lass dir das System ausdrücklich bestätigen.
- A-Klarinette als Erstinstrument: Sie wird für den Alltag in Schule und Kapelle nicht gebraucht.
- Zu hartes Blatt: Zum Einstieg reicht Stärke 2, später oft 2,5. Stärke 3 bis 5 sind für Anfänger zu schwer.
- Kauf nach Optik: Ein Instrument mit vergoldeter Mechanik wirkt hochwertig, passt aber vielleicht nicht zu Hand, Stil oder Budget.
- Blindkauf im Netz: Fotos sagen wenig über Dichtigkeit und Spielgefühl aus. Achte auf Rückgaberecht und lass die Klarinette, wenn möglich, von deiner Lehrkraft prüfen.
Häufige Fragen
Ist das deutsche System schwerer zu lernen?
Nicht grundsätzlich. Es verlangt etwas mehr Fingerkoordination wegen Gabelgriffen und Rollen, ist aber seit Generationen die Grundlage der Ausbildung im deutschsprachigen Raum. Im Alltag zählt, dass dein Unterricht dazu passt.
Kann man mit einer Böhm-Klarinette im Blasorchester spielen?
In vielen Vereinen ja, der Böhm-Anteil wächst. Frage vorher bei der Registerführung nach.
Braucht man für ein Musikstudium ein bestimmtes System?
Das hängt von Hochschule und Klasse ab. Für Orchesterstellen in Deutschland und Österreich ist das deutsche System oder ein deutscher Klang der Normalfall; kläre das mit der Klassenleitung.